Die Katze ist aus dem Sack, die Info macht die Runde und neben ein paar irritierten Fragen „war das GEPLANT??“ wird mir von allen Seiten unglaubliche Freude entgegengebracht. Tatsächlich überfordert mich dies gelegentlich. Die Auswirkungen auf mein Leben sind mir (nach 3 mal erlebt) durchaus bewusst und die große Begeisterung will sich (noch) nicht einstellen. Bah.. wie undankbar, denke ich mir selbst… manche versuchen es Jahre, zusätzlich mit künstlicher Befruchtung und es klappt dennoch nicht. Und ich kann mich über dieses offensichtliche Wunder nicht richtig freuen? Meine Gefühle stehen irgendwie auf der Bremse…

Bereits bei der Feststellung der Schwangerschaft übergibt mir die Gynäkologin Infos zur Pränataldiagnostik, da hätte sich in den letzten Jahren so einiges getan. Uff, ich hatte gerade mal verkraftet, dass sich da nun WIRKLICH ein Untermieter eingenistet hat und nun das! Ich höre aufmerksam zu (versuche es zumindest), lasse mir ihre Empfehlung erläutern und stecke die Zettel ein. Zwei Tage später lege ich diese dem Mann auf den Tisch, wir müssten uns da mal entscheiden, was und ob überhaupt.

Vor 15 Jahren, mit dem Mädel unter dem Herzen waren auch Ängste da, aber damals waren die Voraussetzungen andere. Wir waren jung, das 1.Kind. Ich sagte, egal was ist, ich nehm´s! Heute sind wir schon zu fünft, ich bin Selbständig und auch nicht mehr die Jüngste. Dies bedeutet gewisse Verpflichtungen, begrenzt vorhandene Zeit- und Kraftreserven und ein paar Zipperlein stellen sich hier und da auch schon ein. Was es tatsächlich bedeutet, ein Kind mit Handicap zu haben, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe keine unmittelbaren Erfahrungen, kenne nur Berichte und diverse Geschichten. Von Pflegediensten, Krankenhausaufenthalten, unglaublichen Ängsten, ständigen Sorgen und täglichen Herausforderungen. Natürlich wird auch von schönen Momenten berichtet, von Glück, bedingungsloser Liebe und die wachsende Fähigkeit sich über die kleinen Dinge zu freuen. In meinem Kopf bleibt dies jedoch nur eingeschränkt hängen.

 

Ersttremesterscreening

 

Und dann sitze ich im Wartezimmer, der Termin für das Ersttrimesterscreening steht an. An der Wand gegenüber, äußerst dekorativ, die ganzen Auszeichnung und positiven Erwähnung der Einrichtung. Soll das beruhigen? Kompetenz vermitteln? Ich bekomme einen Stapel Zettel, bin aber viel zu aufgeregt, diese tatsächlich zu lesen. Es geht mal wieder um Wahrscheinlichkeiten und um Datenschutz, mein Kopf hat gerade keine Kapazitäten dafür. Ich unterschreibe ohne tatsächlich zu wissen, was. Termin war um 9 Uhr, nach 30 Minuten sitze ich immer noch da, der Mann muss leider gehen. Das Nestchen war krankheitsbedingt schon 2 Tage geschlossen und jeder Tag mehr ist schlecht fürs Geschäft. Mutterseelenallein, im Kopf die kreisenden Gedanken, die aufkommende Angst, auch beim 4. Kind wird diese nicht kleiner, die Situation nicht Routine. Im Gegenteil.

Endlich im Untersuchungsraum treffe ich auf eine äußerst freundliche Ärztin, die unglaublich kompetent wirkt und deren Art mich zunächst beruhigt. Die Anspannung bleibt allerdings. Der Ultraschall zeigt unglaubliche Dinge, 2 Arme und 2 Beine, den Magen, die Nieren und einen wunderschönen Schmetterling (das Gehirn). Die Ärztin macht ihren Job offenbar unheimlich gern und ist selbst begeistert über all das, was dort zu sehen ist. Worauf es tatsächlich ankommt, ist die Breite der Nackenfalte, ist dort ein Nasenbein und inwieweit sieht das Herz so aus, wie es aussehen soll. 4 mal, aus den unterschiedlichsten Perspektiven wird die Nackenfalte gemessen. Das Ergebnis bleibt immer gleich, im unauffälligen Bereich. Nach Ende der Untersuchung zeigt sich die Ärztin zufrieden und mir kullern die Tränen. Die Anspannung fällt etwas ab und das kleine Menschlein, sich drehend und an der Nabelschnur festhaltend zu beobachten, hat mich arg berührt. Fakt ist, die Wahrscheinlichkeit für ein Kind mit einer Trisomie hat sich von 1:36 bzw. 1:68 auf 1:77 und 1:167 verringert. Weiteres wird dann die Blutanalyse zeigen. Etwas beruhigt gehe ich nach Hause.

 

Wie viel Wissen tut uns gut?

 

An den 3 folgenden Tagen wächst die Anspannung wieder. Das Risiko ist aufgrund meines Alters schon von vornherein recht groß und haben die Zahlen es nun tatsächlich besser gemacht? Mit fällt ein Artikel von  Kaiserinnenreich „Wie viel Wissen tut uns gut?“ vor die Füße. Mareice ist selbst Mutter zweier Kinder, wovon eins, mehrfach schwerstbehindert, vor einiger Zeit leider verstarb. Ihre Fragen und Gedanken treffen mitten ins Mark und die Erkenntnis, dass lediglich 4 Prozent der Behinderungen bereits vor oder aufgrund der Geburt gegeben sind, macht es auch nicht einfacher. Suggerieren alle Tests also eine Sicherheit, die es tatsächlich so nicht gibt? Am Ende ist die eigentliche Frage: traue ich es mir zu, wissend ein behindertes Kind zu bekommen? Traue ich dies meiner Familie zu, die genauso wenig eine Vorstellung davon hat, wie sich unser Leben dann gestaltet?

Der Anruf bezüglich der endgültigen Auswertung erreicht mich mitten im Unterricht. Prima, bin ich doch vom Handykonsum der Schüler im Unterricht nicht selten, äußerst genervt. Vorbild hin oder her, das ist für mich wichtig und ich nehme das Telefonat an. Die tolle Ärztin der letzten Woche erläutert mir, dass aufgrund meiner Blutanalyse die Wahrscheinlichkeiten nochmals drastisch reduziert werden konnten. Für eine Frau meines Alters sind die Ergebnisse, aus Ihrer Sicht, hervorragend. Dennoch bleibt es mir natürlich überlassen, weitere Untersuchungen vorzunehmen, eine absolute Garantie gibt es nicht. Mir stehen schon wieder die Tränen in den Augen (diese Kackhormone!) und unheimlich erleichtert gehe ich zurück in die Klasse.

Die Analyse aller Werte gibt also eine positive Prognose für ein gesundes Kind ab. Himmel, warum stehen meine Gefühle für das Würmchen dann immer noch auf der Bremse?

Foto: Rose-Greim-Fotografie

Ein paar Tage später, liege ich auf der Couch rum. Auf der Suche nach einer Joghurtalternative (ich möchte weitestgehend auf Milchprodukte verzichten) habe ich am Mittag einen mit Soja probiert. Mein Magen war davon leider ganz und gar nicht begeistert und so tanzt der Joghurt dort gerade Samba und die unterschwellige Übelkeit legt mich flach. Ich höre den Mann und das Knöpfchen im Esszimmer Uno spielen. Ein liebgewordenes, fast tägliches Ritual der Beiden. Immer verbunden mit großen Emotionen und viel Lachen. Meine Gedanken wandern zum großen Mädel, sie hatte sich einige Zeit vorher zu mir auf die Couch gekuschelt, ein kurzer inniger Moment, den ich so unglaublich genossen hatte. Und weiter zum Bub, mit dem ich heute Nachmittag über so vieles geredet hatte, den ich im Moment manchmal so gar nicht verstehe (HALLO Pubertät), der mich mit seinem Sturkopf wahnsinnig macht und der doch manchmal noch so klein und verletzlich ist, wie mir das Foto, welches Julia von uns aufgenommen hatte, zeigt.

Und dann wird der immer noch tanzende Joghurt in meinem Bauch durch Schmetterlinge verdrängt. In meinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus und mir wird bewusst: es ist so viel Liebe in diesem Haus. Manchmal etwas versteckt und auf den ersten Blick nicht erkennbar, manchmal durch Streitereien arg überschattet, aber dennoch immer da! Zum Grinsen gesellen sich ein paar Tränen (diese Hormone!) und da ist das Gefühl endlich da! Auch für dich kleines Würmchen wird sich Platz in diesem Haus finden und wir werden, jeder auf unsere eigene Art, Horst (Arbeitstitel ;-)) unheimlich lieb haben.