Als eine Zuschauerin, im Rahmen der Diskussion nach Ende des Films Elternschule erklärt, sie hätte dann ja lauter glückliche Kinder gesehen, bin ich total irritiert. Von meiner Insel aus konnte ich diese nicht erkennen. Und vielleicht ist dies die Erkenntnis des Abends: es ist alles eine Frage der Insel …

Den Gedanken einer großartigen Frau (Vera F. Birkenbihl) folgend, leben wir Menschen alle auf einer Insel. Unserer eigenen kleinen Insel, von der aus wir die Welt betrachten, die entsprechend aufgebaut und gestaltet ist, geprägt durch unsere Erfahrungen, Erlebnisse und Überzeugungen.

Suche nach Verbindung

Der Film beginnt mit Kindern, die Bindungsverhalten zeigen d.h. sie suchen nach einer Ver-bindung, sind unangepasst und „funktionieren“ nicht richtig. Sie schlafen nicht der Norm entsprechend (wer auch immer diese Norm festlegt haben mag), wollen nicht essen, zeigen den Stinkefinger… All dies ist aus meiner Sicht und meinem Verständnis heraus ein Ruf nach Zuwendung, Orientierung, Halt… ein Ruf nach Hilfe, nach Verbindung. Zudem sehe ich Eltern, die zum Teil sehr liebevoll und zugewandt sind, aber auch völlig verzweifelt nach einem Rettungsanker suchend; sie sind überfordert, können das Verhalten der Kinder nicht einordnen oder verstehen und haben große Angst.

Für diese Familien bietet die Klinik in Gelsenkirchen einen Anlaufort, wenn nichts mehr geht! Die letzte Station. So bringt eine Mutter ihre Verzweiflung zum Ausdruck, indem sie sagt „… wenn das hier nicht klappt, muss sie in ein Heim. Ich kann nicht mehr.“

Keine Allgemeingültigkeit

Nach den Berichten des Therapeuten, der nach dem Film für Fragen zur Verfügung steht arbeitet die Klinik psychosomatisch. Als herausragend hebt er hervor, dass die Kinder nur zusammen mit Bezugspersonen begleitet und behandelt werden. Ebenfalls stellt er klar, dass der Film KEINE allgemein gültigen Empfehlungen gibt, keinen Anspruch eines Erziehungsratgebers hat. Die Familien befinden sich in Ausnahmesituation. Und sein Ziel ist es, dass es eben nicht dazu kommt, dass das Kind in ein Heim gegeben wird. Und so blitzt kurz der Gedanke in mir auf, GOTT SEI DANK. Ohne diese Klinik wäre den Kinder und Familien vielleicht etwas schlimme(re)s passiert? Heiligt der Zweck also die Mittel?

Von meiner Insel aus habe ich körperliche und psychische Gewalt gesehen. Ich sah Kinder die man festhielt und unter Zwang fütterte. Ich sah Kinder, völlig alleine in einem großen Raum, dazu genötigt ihren Ekel vor dem Essen zu überwinden … ich sah Kinder die an den Armen nach oben gezogen wurden weil sie nicht laufen wollten oder konnten?… ich sah ein kleines Mädchen welches dazu gebracht wurde zusammen mit dem Therapeuten zu RENNEN!, in dem er sie nach unkooperativen Verhalten mitten in einem Waldstück ALLEIN zurückließ. Die Panik in den Augen des Mädchens traf mich mitten ins Herz. Ich sah kleine Kinder die nachts in einem abgedunkelten Raum in einem Gitterbett lagen … völlig allein. Ich hörte Schwestern und Betreuern die sich (für mich) darüber lustig machen, dass eine Mutter dies alles nicht aushält und heimlich in der Nacht nach ihrem Kind schaut .. ich hörte eine Erzieherin ihre Kollegen bitten, jegliches kuscheln oder Nähebedürfnis eine Mutter zu ihrem Kind im Alltag sofort zu unterbinden. Ich hörte einen Therapeuten der abfällig kommentierte, nachdem ein Kind erbrach: „aua ist gut, aua Mama ist noch viel besser… und eine Nudel auf einem Löffel bedeutet ja nun wirklich kein Drama.“ Aus deren Sicht kein Fall von akuter Not.

Ich sah leere Kinderaugen, ich sah gebrochene Seelen.

Ich bin weder Arzt, noch Therapeut, „nur“ Soz.päd, Elternbegleiter und Mutter von 4 Kindern. Zu keinem Zeitpunkt habe ich selbst so eine Verzweiflung empfunden, wie die dargestellten Eltern im Film. Niemals habe ich daher das Recht, diese Eltern zu verurteilen! Die angewandten Methoden zu bewerten, steht mir demnach eigentlich auch nicht zu, oder?

Wenn Kinder Theater machen

So sitze ich in diesem Kino, höre den Therapeuten den Blick von seiner Insel erläutern, für ihn ist dort keine Gewalt zu sehen.. was seine Intention ist und das klingt durchaus schlüssig, er möchte den Familien helfen und tatsächlich glaube ich ihm. Es ist für absolut notwendig, wenn Kinder „Theater“ machen, sie auch mal zu halten, zum eigenen Schutz. ICH sehe eine körperlich massive Frau, die einen kleinen Jungen auf ihren Schoß nimmt, die Beine um ihn schlingt und Arme fixiert, mit all ihrer Kraft. Halten oder festhalten? Ist es eine Frage der Absicht, die dahinter steckt, sie meinen es doch nur „gut“. Es ist ein Prozess, so erklärt der Therapeut und wir als Zuschauer haben nur winzig kleine Ausschnitte hiervon zu sehen bekommen.

Dennoch zittert alles in mir. Wenn all die vielen Studien zu Bindung und Beziehung richtig sind, wie kann es dann ein heilsamer Weg sein, Eltern und ihre Kinder so (wie im Film gesehen) voneinander zu trennen? Wie kann es denn als „unnormal“ bewertet werden, wenn ein Kleinkind eine körperliche Untersuchung eines ihm fremden Arztes nur unter Protest über sich ergehen lässt? Was muss wohl passiert sein wenn ein Kind aufhört zu essen und wie kann es wiederum hilfreich sein, es mit Zwang zum Essen zu bewegen? Im Film wird von Verantwortung und Führung gesprochen, aus meiner Sicht waren Methoden der Machtausübung und Zwang. Die „kleine Prinzessin“ muss lernen, wer das Sagen hat! Und hierbei hilft die Klinik.

Von kleinen Engeln und Teufeln

So ist an der Eingangstür der Mäuseburg, dem Vernehmen nach einer Art Kindergarten, eine Zeichnung zu sehen. In die Mäuseburg hinein gehen lauter kleine Teufel und am anderen Ende kommen lauter kleine Engel wieder heraus. Es sind die Bilder und Symbole, die für sich sprechen, eine Haltung transportieren. Die vom Teufel geleiteten Kinder gehen durch die Höl-le, um dann in den Himmel zu gelangen? Ich frage mich, was ist auf dem Weg dahin wohl in ihnen gestorben?

Therapie hin oder her, das Menschenbild welches hier zum Ausdruck kommt, empfinde ich mehr als fragwürdig. Und ja, das maße ich mir an, zu verurteilen! Natürlich brauchen Kinder eine Orientierung… Sie brauchen Menschen um sich herum, die ihnen Halt geben und sie liebevoll begleiten. Die ihnen zeigen, dass die Bedürfnisse aller Menschen gleichwürdig sind, die ihnen Wege vorleben, wie wir friedlich und achtsam miteinander leben können. Oder nicht? Ist das ein frommer Wunsch, den ich von meiner heilen Welt, Pardon Insel, mit verklärtem Blick erhoffe?

Wenn das, was die Bindungs– und Hirnforschung aufzeigt, stimmt, haben diese Kinder, bedingt durch ihre Erlebnisse eine weniger gute Chance zu selbstbewussten, empathischen und gesunden Menschen heranzuwachsen. Laut Aussagen des Therapeuten, werden sie zwar ganzheitlich behandelt. Dies beinhaltet auch das Herausfinden und Bearbeiten von vermutlich vorausgegangen traumatischen Erfahrungen. Diese Dinge zeigt der Film allerdings nicht, zum Schutz des Protagonisten. Am Ende entsteht so jedoch der Eindruck, dass lediglich an den Symptomen gearbeitet wird. Es stehen ja auch nur wenige Wochen zur Verfügung. Die störenden Verhaltensweisen werden abgestellt. Das Ziel wird erreicht, die Eltern atmen auf, ein Leben als Familie scheint wieder möglich! Doch sind den Eltern auch die zu erwartenden Nebenwirkungen erläutert worden? Wissen Sie, was diese Methoden eventuell für Konsequenzen für das spätere Leben ihrer Kinder haben könnten? Haben sie tatsächlich mit der Einverständniserklärung eine informierte (auf Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse) Entscheidung getroffen? Und wenn nicht, heiligt der Zweck dann immer noch die Mittel?

Man muss auch loslassen

Unverständlich ist mir, wie sowohl Therapeut als auch Filmemacher die Kritik am Film nicht annehmen. Deren Insel ist natürlich um einiges umfassender, als die der Zuschauer. Dennoch hätten sie sich der Wirkung bewusst sein müssen und die Aussagen des Filmemachers: „man muss den Film dann auch mal loslassen“ und er hätte keinen Einfluss auf die Pressestimmen machen mehr als traurig.

Die Gefahr die aus meiner Sicht von dem Film ausgeht ist, dass die Inselsichtweise der Klinik als Allheilmittel für eine gelungene Erziehung betrachtet werden könnte. Der Begriff Elternschule suggeriert genau dies! Und die Stimmen von Menschen, die mit mir im Film saßen, Beifall klatschten und im Anschluss darüber philosophierten, dass ALLE Eltern den Film doch sehen sollten, bestätigt meine Befürchtungen. Solange sich Klinik und Filmemacher nicht ausdrücklich davon distanzieren, wird dieser Eindruck weiterhin vermittelt.

Was bleibt, sind meine Tränen voller Mitgefühl für die Kinder und Eltern, ein fetter Kloß im Hals und das zeitweilige Gefühl, im sprichwörtlich falschen Film zu sitzen.

Hilfe für Eltern

Was ich mir wünsche, sind Hilfen für verzweifelte Eltern, bestenfalls viel früher angesetzt und ein anderer Blick auf Kinder und deren Kompetenzen und Bedürfnisse!

Was ich weiterhin mache, ist Eltern und Pädagogen eine Brücke zu bauen und sie einzuladen, meine Insel anzuschauen. Die ist nicht perfekt und vermutlich nicht für jeden sofort verständlich, hier gibt es Geborgenheit durch Nähe und es ist tatsächlich ganz schön hier. Einen Blick ist es allenfalls wert. Seid herzlich Willkommen!

Foto: Rose-Greim-Fotografie