Es ist Sonntag, der 1. Advent. Schon seit Tagen spüre ich diese Unruhe, die Gedanken die kreisen… das kann doch NICHT sein. Ich fühle mich komisch, die Brust spannt, ich bin (noch) mehr als sonst genervt…. Da es mich nicht loslässt, schicke ich den Mann am Sonntag zum Bahnhof, er soll einen Test holen. Ich will Gewissheit.

Eine halbe Stunde später sitze ich heulend im Bad, an die Heizung gelehnt. Ich starre auf dieses Plastikteil, gucke nochmal in die Verpackung. Das kann doch NICHT sein. Aber es ist klar, 2 deutlich sichtbare rosa Streifen. Ich überlege kurz, wie groß war noch mal die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Test fehlerhaft ist? Son Quark, ich weiß es ja eigentlich ganz genau, wenn da 2 Streifens sind, dann TREFFER.

 

 

Und jetzt? Keine Ahnung, wie lange ich da sitze… irgendwann gehe ich zum Mann, gebe ihm das Plastikteil und bleibe weiter sprachlos. Der restliche Tag ist verschwommen. Irgendwann sehe ich mich auf der Couch sitzen und über Wahrscheinlichkeiten googeln. Ich bin 42 Jahre, habe eine Schilddrüsenproblematik, der Mann ist 46 Jahre (lebt nicht das gesündeste Leben) und hat Bluthochdruck. Hey, bei der Konstellation liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft bei 5 Prozent. 5 Prozent!!! Bedenkt man dazu, dass die Zeiten, in denen wir dem Matratzensport frönen, mit denen vor 15 Jahren NICHT vergleichbar sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit noch um einiges. Also eigentlich ist es gar nicht möglich, geht nicht, kann nicht sein …. oder es ist einfach ein Wunder!

 

Schaffen wir das?

 

Auch am nächsten Tag stehe ich noch komplett neben mir, ich sage alle Jobs ab, an Arbeit ist gerade nicht zu denken. Wir waren fertig mit der Familienplanung, 3+1 wundervolle Kinder, 2 Katzen und ein Haus. Das „Soll“ mehr als erfüllt. So langsam hab ich mich gedanklich auf das (Stief) Oma sein vorbereitet. Der Mann und ich freuten uns auf entspannte Zeiten auf unserer Terrasse, Kaffee trinkend und Scrabble spielend, ab und an mal verreisen. Jetzt sind die Kinder ja groß, auch mal wieder Zeit als Paar haben, nicht nur Eltern sein. Zudem habe ich mich gerade dazu entschlossen, meine Tätigkeit als Lehrerin vorerst an den Nagel zu hängen. Die so ziemlich einzig sichere, finanzielle Konstante, die derzeit allerdings den größten mentalen Stress verursacht. Ich will mich neu sortieren, endlich mal bissl Stress rausnehmen, ankommen.

Auch der Mann hadert, er sagt:“er ist zu alt“ dafür. Na klar wissen wir, wie es geht, sind wunderbar eingespielt und wo 3 groß werden, werden´s auch 4. Aber die Nerven, schon jetzt fällt es uns zunehmend schwer, vom Knöpfchen so eingenommen zu werden. Die beiden Großen machen größtenteils ihr eigenes Ding, was aber nicht heißt, dass sie uns nicht brauchen, als Fahrdienst zum Beispiel … hihi… nein, im Ernst. Nur weil sie schon „groß“ sind, heißt das nicht, dass es keine Herausforderungen mehr gibt. Wie sagte meine Mutter immer: „kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen!“. Und so sehe ich mich wieder auf der Couch sitzen und diesmal nach Abtreibung googeln.

 

Könnte ich damit leben?

 

Ich versuche die Emotionen dabei raus zu lassen. Suche ganz sachlich nach Informationen, es gibt also 2 Möglichkeiten, wie man „es“ machen kann. Die körperlichen Risiken sind überschaubar, der Eingriff heutzutage Routine. Unweigerlich komme ich allerdings zu den Nebenwirkungen, und zwar den psychischen. Ich lese in Blogs, wie Frauen diese Situation empfunden haben, was es mit ihnen gemacht hat. Ich denke an meinen Job, jeden Tag kleine Menschlein um mich herum, jeden Tag also vor Augen, was ich weg gemacht hätte. Kann ich damit leben, kann ich mir das verzeihen, kann ich es dem Mann verzeihen? Die Stimme im Herzen sagt ganz klar NEIN. Ich bin überzeugt, ich würde meinen Job nicht mehr so wie bisher weiter machen können.

Ich teile meine Gedanken dem Mann mit. Er will nicht, dass ich unglücklich werde. Dann holt er tief Luft, strafft die Schultern und sagt: „dann kriegen wir also noch ein Kind!“ So, da ist es also beschlossen. Wir nehmen die Weihnachtsüberraschung, die auf keinem Wunschzettel stand, als Geschenk an und lassen uns erneut auf das Abenteuer ein. Ich installiere ein App auf dem Handy (macht man doch heute so, oder?) wo ich genau sehen kann, wie weit ich denn bin, verstecke sie aber ein bissl in einem Ordner. So ganz geheuer ist mir das alles nämlich noch nicht.

 

 

Kurz vor Weihnachten beschließe ich dann, die große Neuigkeit zu verkünden. In den letzten Wochen ging es mir immer mal wieder richtig schlecht, dauerhaft unterschwellige Übelkeit. Ich bin schlapp und nicht wirklich leistungsfähig. Auch möchte ich die Kinder nicht weiter beschwindeln, denn die merken ja auch, dass etwas mit mir los ist. Also rufe ich sie im Wohnzimmer zusammen, warte auf einen Moment gespannter Stille und lasse die Bombe platzen.

 

Was sagen die Kinder?

 

Das Knöpfchen macht einen riesigen Freudentanz, springt auf der Couch hin und her und brüllt:“ich werde große Schwester“, das Mädel sagt trocken:“ ich hatte mir sowas schon gedacht“ und der Bub: „ERNSTHAFT“. Uff, das sitzt. Ich hatte ja damit gerechnet, dass vermutlich nicht alle so begeistert sind, aber einen Stich versetzt es mir doch. Ich weiß, er meint es nicht bös, er ist einfach nur ehrlich. Nach dem ersten Schock „bestellt“ er dann einen Bruder, woraufhin seine Schwestern nur wissend lächelnd und fest von einer weiblichen Verstärkung ausgehen. Mir fällt ein großer Stein vom Herzen und in den nächsten Tagen kann ich mich über fürsorgliche und sehr aufmerksame Kinder freuen. Mal gucken, wie lange 😀

Ich bin gespannt, ein bisschen aufgeregt und mitunter komplett überfordert. Aber ganz ehrlich, dass war (bin) ich mit 3 Kindern auch nicht selten! Hihi…